Die funktionelle Anatomie des Kraniomandibulären Systems wird in vielen anatomischen Standardwerken nur aus der Perspektive der Kaufunktion beschrieben. Die Begriffe „Kraniomandibuläres System“ und „Kausystem“ werden deshalb in der Zahnmedizin als Synonyme verwendet. Bis heute fokussieren die zahnärztliche Funktionsdiagnostik und -therapie auf die Kaufunktion: Okklusale Störungen, Hypertonus der Kaumuskulatur sowie Bewegungsanomalien und morphologische Veränderungen der Kiefergelenke stehen im Mittelpunkt von Untersuchungen und Behandlungen.

Aber das Kraniomandibuläre System (KMS) hat neben der Kaufunktion noch weitere Funktionen. Aus systemischer Sicht müssen wir Funktionen wie Saugen und Schlucken, Knirschen und Pressen (= Bruxismus), Atmen und Sprechen, Mimik, sensorische Funktionen wie Sehen, Hören, Riechen und Tasten oder die meningeale Faszienmotilität in unsere diagnostischen und therapeutischen Überlegungen bei Patienten mit Muskel- und Gelenkschmerzen innerhalb und außerhalb des KMS einbeziehen. Alle diese Funktionen können gestört sein und stehen untereinander in Wechselwirkungen.

Das KMS ist also mehr als nur ein Kausystem. Es ist strukturell und funktionell komplex vernetzt mit anderen Teilsystemen des biologischen Systems Mensch. Mit diesem Wissen im Kopf halte ich es für einen Fehler, das Kraniomandibuläre System unabhängig von seinen Vernetzungen zu untersuchen und zu behandeln.